Ob eine Aufnahme brauchbar ist, entscheidet sich am Flugtag und nicht am Bildschirm. Drei Größen bestimmen das Ergebnis: das Licht, der Abstand und das Wetter. Alle drei lassen sich vorher planen, und keine davon lässt sich nachträglich reparieren.
Bedeckter Himmel schlägt Sonnenschein
Der häufigste Irrtum bei der Terminvereinbarung: Man wartet auf einen schönen Tag. Für Fassadenaufnahmen ist das die schlechtere Wahl.
Direkte Sonne erzeugt harte Schlagschatten. An einer gegliederten Gründerzeitfassade fallen die genau dorthin, wo es interessant wird — unter Gesimse, in Fensterlaibungen, neben Erker und Ziergliederung. Ein Riss, der im Schatten liegt, ist auf dem Bild schlicht nicht vorhanden. Umgekehrt frisst die Überbelichtung auf der besonnten Seite die Zeichnung im hellen Putz weg.
Gleichmäßig bedeckter Himmel wirkt wie ein sehr großer Diffusor: kein Schlagschatten, gleichmäßige Belichtung über die ganze Fläche, vergleichbare Farben zwischen Aufnahmen desselben Bauteils. Wo mehrere Seiten eines Objekts dokumentiert werden sollen, ist das entscheidend — sonst sieht dieselbe Fassade auf der Nordseite aus wie ein anderes Gebäude als auf der Südseite.
Es gibt eine Ausnahme, und die ist bewusst zu wählen: streifendes Licht am frühen Morgen oder späten Nachmittag zeichnet Verformungen, Ausbauchungen und Reliefunterschiede deutlicher als flaches Licht. Wer Geometrie sichtbar machen will statt Farbe, fährt damit besser. Beides zusammen geht nicht — es sind zwei Termine.
Was 1,8 mm pro Pixel praktisch heißt
Die Bodenauflösung folgt aus Sensor, Brennweite und Abstand. Für das eingesetzte Gerät:
| Abstand | Bodenauflösung | Praktisch |
|---|---|---|
| 5 m | ~0,9 mm/Pixel | feine Rissbilder und Fugen |
| 10 m | ~1,8 mm/Pixel | Regelabstand für Detailaufnahmen |
| 20 m | ~3,6 mm/Pixel | flächige Aufnahme von Dach und Fassade |
| 30 m | ~5,4 mm/Pixel | Übersicht des Gesamtobjekts |
Ein Bildpunkt allein macht noch keinen erkennbaren Riss. Als Faustregel braucht ein Merkmal drei bis vier Bildpunkte, damit es sich zuverlässig vom Rauschen und von der Putzstruktur abhebt. Aus 10 m sind das rund 5 bis 7 mm — bei gutem Kontrast auch weniger, bei dunklem oder stark strukturiertem Untergrund mehr.
Daraus folgt die Arbeitsweise: Übersicht aus größerem Abstand für die Lage, dann näher heran für jedes Merkmal, das die Übersicht zeigt. Und die Aufnahmeposition gehört ins Protokoll, sonst ist später nicht mehr feststellbar, aus welcher Entfernung ein Detail entstanden ist — und damit auch nicht, wie groß das Abgebildete ist.
Warum nicht gezoomt wird
Der 2×-Zoom der Kamera ist digital. Er wählt einen engeren Ausschnitt aus demselben Sensorbild und rechnet ihn hoch. Die Zahl der tatsächlich gemessenen Bildpunkte auf dem Bauteil bleibt gleich; was dazukommt, ist interpoliert.
Für eine Dokumentation, die im Verfahren bestehen soll, ist das die falsche Richtung. Wo es auf feine Merkmale ankommt, wird der Abstand verringert. Wo der Abstand nicht verringert werden kann — Sicherheitsabstand, Hindernisse, fremder Grund darunter —, wird das im Protokoll vermerkt, statt eine Genauigkeit vorzutäuschen, die nicht vorliegt.
Wetter jenseits der Wolkendecke
Wind. Nicht die Standfestigkeit ist die Grenze, sondern die Bildruhe. Böen erzeugen Mikrobewegungen, die man am Bildschirm nicht sieht, im Hundertprozent-Ausschnitt aber sehr wohl. Bei kräftigem Wind entlang von Feuermauern und in Innenhöfen kommt Verwirbelung dazu.
Niederschlag. Bei Regen wird nicht geflogen. Kurz danach kann es sinnvoll sein: Feuchtezonen zeichnen sich auf Putz und Deckung deutlich ab und trocknen unterschiedlich schnell ab. Ob das für eine Fragestellung etwas hergibt, entscheidet die Sachverständige — es ist ihre Beurteilung, nicht meine. Wenn sie den Zeitpunkt so will, wird so geflogen.
Jahreszeit. Laub verdeckt Traufe, Gesims und Hoffassade. Zwischen November und April ist an begrünten Objekten mehr zu sehen als im Juli. Bei Fassadenbegrünung ist das kein Nebenaspekt, sondern bestimmt, ob eine Erhebung überhaupt etwas zeigt.
Sonnenstand und Himmelsrichtung. Eine Nordfassade bekommt nie direktes Sonnenlicht — dort ist bedeckter Himmel ohnehin die Regel. Bei Süd- und Westseiten lohnt es, den Termin nach dem Sonnenstand zu legen, wenn kein bedeckter Tag zu bekommen ist.
Was das für die Beauftragung heißt
Ein fixer Termin drei Wochen im Voraus ist für Fassadenaufnahmen selten die beste Wahl. Besser ist ein Zeitfenster mit kurzfristiger Abstimmung nach Wetterlage — außer der Anlass gibt den Zeitpunkt vor, wie beim Sturmschaden, wo vor der Notabdeckung geflogen wird, gleich bei welchem Licht.
Und die Fragestellung gehört vorher gesagt. „Bitte das Dach aufnehmen” führt zu anderen Aufnahmen als „Bereich über dem Erker, Nordseite, Verdacht auf Rissbildung im Anschluss zum Nachbarobjekt”. Was aufzunehmen ist, bestimmt Abstand, Licht und Anzahl — und damit, ob der Datensatz später die Frage beantwortet, für die er bestellt wurde.